The Golden Tree

Für uns ist Schokolade eine süsse Leckerei, made in Switzerland. In Ghana, wo der grösste Teil der Kakaobohnen für unsere Schokolade produziert wird, bedeutet der Kakao Leben – und Leiden.

Ein Ausschnitt aus der Multimedia-Reportage von mir und Florian Schweer. Erschienen: Annabelle online, 2016.)

Foto: Florian Schweer

01 - DIE BÄUERIN

Als Akosua uns auf ihre Plantage führt, trägt sie nur Flip Flops an den Füssen. Für Schuhe ist es zu heiss. In der Hand hält sie eine Machete. Damit hackt sie eine gelbe, schwere Frucht vom Baum. Mit einem Schlag auf die Frucht, bricht sie die harte Schale auf - und zum Vorschein kommt das, wonach wir gesucht haben: Kakaobohnen.

“Bonjour - ça va?”, begrüsst uns Akosua beim ersten Treffen, schnalzt mit der Zunge und schenkt uns ein breites, leicht schelmisches Grinsen. Viele Jahre habe sie in der Elfenbeinküste gelebt, erzählt sie uns. Daher das Französisch.

Mit ihren 75 Jahren liegt Akosua knapp über dem Durchschnittsalter eines Ghanaischen Kakao-Bauern. Kinder hat sie acht, Urgrosskinder neun. Bei den Grosskinder hat Akosua den Überblick verloren. “Zu viele”, lacht sie keck. Ihr Mann kam vor 17 Jahren bei einem Autounfall in der Elfenbeinküste ums Leben. Als er starb, musste Akosua zurück in ihr Heimatland Ghana. Mit dem Erbe ihres Mannes kaufte sie sich hier ein Stück Land, in Osino, einem kleinen Dorf nördlich der Hauptstadt Accra. Die Kakao-Bauern, diejenigen mit den “Golden Trees”, waren einst die reichsten Leute im Dorf. Das wusste Akosua noch von früher. Also pflanzte sie Kakao an.

Dank dem Kakao haben ich und meine Familie etwas zu essen. Doch die Jungen interessiert das nicht. Sie haben vergessen, was für einen Wert der Kakao einst hatte.
— Akosua

Damals, mit knapp 60, ging es noch, das Arbeiten auf dem Feld. Aber mittlerweile spürt Akosua das Alter. Die Beine tragen sie nicht mehr so weit. Die Zähne schmerzen. Das Aufstehen am Morgen bereitet ihr Mühe.

Säcke voller Kakaobohnen schleppen kann Akosua nicht mehr. Sie braucht auch Hilfe, um das Land zu bewirtschaften. Doch Arbeiter zu finden ist nicht leicht. Die meisten jungen Leute sind in die Städte abgewandert. Die wenigen, die auf dem Land geblieben sind, werden lieber “Galamseys”, illegale Goldschürfer.

Bis zu 50 Ghana Cedis (etwa 13 Franken) muss Akosua einem Arbeiter pro Tag bezahlen. Das kann sie sich nur während der Erntezeit leisten – und das nur, weil sie noch einen kleinen Laden besitzt. Dort verkauft sie Seife, Toilettenartikel, Maniok. Geld für Dünge- oder Schädlingsbekämpfungsmittel hat sie nur ganz selten. Dass die Regierung diese kostenlos im Land verteilt, genauso wie Setzlinge, davon hat Akosua noch nie etwas gehört.

(Alle restlichen Porträts aus der Multimedia-Reportage könnt ihr hier nachlesen.)